Schwarze Punkte, die am Ende des Sommers am Himmel Istanbuls erscheinen, markieren den Beginn der Afrikareise Hunderter von Störchen. Die Vögel kreisen in derselben Luftströmung aufwärts und gleiten dann ohne Flügelschlag in Richtung Anatolien. So beginnt die Herbstwanderung der Störche von Europa nach Afrika über die Türkei.

Die Türkei ist eines der wichtigen Transitländer auf der östlichen Zugroute des Weißstorchs (Ciconia ciconia). Die meisten in Europa brütenden Störche nutzen den Istanbuler Bosporus, anstatt das Mittelmeer zu überqueren. Die Vögel durchqueren Anatolien in südöstlicher Richtung und erreichen Hatay. Von dort setzen sie ihre Wanderung über die Levante und das Niltal nach Afrika fort.

Diese Reise bietet nicht nur Vogelbeobachtern, sondern auch Urlaubern, die die Türkei im Spätsommer und Frühherbst besuchen, ein außergewöhnliches Naturerlebnis. Darüber hinaus befinden sich einige der wichtigsten Schauplätze des Spektakels direkt neben großen Tourismuszentren wie Istanbul.

Der Himmel über dem Istanbuler Bosporus füllt sich mit Störchen

Störche nutzen auf ihrer Langstreckenwanderung die durch aufsteigende Warmluft entstehenden Thermiken, um Energie zu sparen.

Die Vögel steigen in einer Thermik kreisend Hunderte von Metern auf und gleiten dann ohne Flügelschlag zur nächsten aufsteigenden Luftströmung. Daher müssen sie lange Seepassagen vermeiden.

Der Istanbuler Bosporus dient genau an dieser Stelle als natürliche Brücke. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Bosporus einer der Hauptübergangspunkte für gleitende Zugvögel in Europa ist. In Frühjahrsstudien wurden in einzelnen Saisons Jahre verzeichnet, in denen 119.381 Weißstörche gezählt wurden.

Im Herbst verläuft die Migration in umgekehrter Richtung. Die historische Silhouette Istanbuls bildet eine einzigartige Kulisse für dieses Naturereignis. Es ist möglich, große Storchenschwärme über Moscheen, Minaretten, dem Bosporus und den modernen Gebäuden der Stadt zu sehen.

Wo kann man die Storchenwanderung in Istanbul beobachten?

Einer der bekanntesten Punkte für die Herbstwanderung ist der Große Çamlıca-Hügel in Üsküdar. Der 288 Meter hohe Hügel, der den südlichen Teil des Bosporus überblickt, bietet besonders im September und Oktober die Möglichkeit, neben Störchen auch Schwarzstörche, Wespenbussarde, Schreiadler, Schlangenadler und andere gleitende Zugvögel zu beobachten. Auch wissenschaftliche Storchenzählungen wurden hier durchgeführt.

Im Norden des Bosporus gewinnen die Gebiete um Sarıyer und Garipçe besonders während der Frühjahrswanderung an Bedeutung. Im Korridor zwischen Sarıyer und Fener am Eingang zum Schwarzen Meer können intensive Vogelbewegungen beobachtet werden. Beykoz und Toygartepe werden ebenfalls als Beobachtungspunkte in Istanbul genannt.

Ein besonderes Erlebnis für Fotografen bietet sich in der Umgebung von Büyükçekmece, Çatalca und Silivri. Während der Zugzeit gibt es Gebiete, in denen Tausende von Störchen abends gemeinsam übernachten und morgens mit den von der Sonne erzeugten Thermiken wieder aufsteigen.

Von Istanbul nach Hatay über Anatolien

Die Reise der Störche, die den Bosporus überqueren, endet hier nicht. Die Vögel ziehen über Anatolien nach Süden und erreichen das östliche Mittelmeer. Historische Migrationsstudien zeigen, dass die intensiven Herbstpassagen in Belen etwa 5 bis 10 Tage nach dem Istanbuler Bosporus beobachtet werden. Diese Daten deuten darauf hin, dass die Migrationsgeschwindigkeit über Anatolien etwa 100 Kilometer pro Tag betragen kann.

Daher könnte eine Vogelbeobachtungsreise in der Türkei theoretisch auch zu einer Route werden, die der Migration folgt. Die in Istanbul beginnende Reise setzt sich einige Tage später in einer völlig anderen Geografie im Süden Anatoliens fort.

Großes Finale in Hatay

Einer der beeindruckendsten Beobachtungspunkte in der Türkei ist der Belen-Pass in Hatay. Die Amanos-Berge senken sich hier auf etwa 700 Meter ab. Dieser natürliche Pass zwischen dem Golf von İskenderun und der Amik-Ebene war nicht nur seit Tausenden von Jahren eine der wichtigen Routen zwischen Anatolien und Syrien für Menschen; auch Zugvögel nutzen dasselbe geografische Tor.

In Studien, die in Belen durchgeführt wurden, wurden in den Frühjahrs- und Herbstperioden insgesamt über 150.000 gleitende Zugvögel registriert. Die Daten umfassen 82.887 Weißstörche und 3.303 Schwarzstörche sowie Tausende von Pelikanen, Kranichen und Greifvögeln. Aufgrund der Bedeutung der Region wurde das 45 Hektar große Gebiet im Jahr 2014 unter dem Thema Vogelbeobachtung zum Belen-Pass-Naturpark erklärt.

Die Anziehungskraft Belens für Urlauber rührt nicht nur von den Zahlen her. Während sich auf der einen Seite das Mittelmeer und der Golf von İskenderun und auf der anderen Seite die Amik-Ebene erstrecken, können Hunderte von Vögeln, die am Himmel aufsteigen, eine der beeindruckendsten Naturshows der Türkei bilden.

Die beste Zeit hängt auch vom Wetter ab

Die Herbstwanderung wird im Allgemeinen ab Ende August deutlich und setzt sich den ganzen September über intensiv fort; in Istanbul können auch im September und Oktober Zugvogelbeobachtungen gemacht werden. Eine genaue Uhrzeit und ein genauer Tag sind bei der Storchenbeobachtung jedoch nicht garantiert. Wind, Temperatur und Thermiken beeinflussen, in welcher Höhe und durch welchen Korridor die Vögel ziehen werden.

Daher sind die sehr frühen Morgenstunden nicht immer die beste Option. Damit gleitende Vögel in großen Schwärmen aufsteigen können, muss die Sonne den Boden erwärmen und Thermiken müssen entstehen. Obwohl ein Fernglas nützlich ist, können große Storchenschwärme oft auch problemlos mit bloßem Auge beobachtet werden.

Für Fotografen lohnt es sich, neben mittleren und langen Teleobjektiven auch Weitwinkelobjektive in der Tasche zu haben. Denn das wirklich beeindruckende Bild in Istanbul ist manchmal nicht das Porträt eines einzelnen Storches, sondern die riesige Spirale, die Hunderte von Vögeln über dem Bosporus und der Stadtsilhouette bilden können.

Eine unerwartete Safari mitten im Urlaub

Gerade diese Zugänglichkeit macht die Storchenwanderung in der Türkei so besonders. Während man für eine Safari in Afrika tagelang planen muss, ist es in Istanbul möglich, wenige Stunden nach dem Verlassen der Fähre den Himmel über Çamlıca abzusuchen. In Hatay kann die Vogelwanderung am Belen-Pass zu einer Kultur-, Gastronomie- und Naturreise hinzugefügt werden.

Und sobald das Ausmaß der Bewegung am Himmel erkannt wird, ändert sich die Perspektive. Es sind nicht mehr nur ein paar Vögel, die man sieht. Ein nur wenige Minuten sichtbarer Abschnitt einer Tausende von Kilometern langen Reise von Europa nach Afrika zieht am Beobachter am Himmel der Türkei vorbei.

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